Viele Menschen funktionieren über lange Zeit – trotz innerer Erschöpfung, Schlafproblemen oder dem Gefühl, den eigenen oder vermeintlichen äußeren Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden. Doch woran erkennt man, dass Stress krank macht? Wer ist besonders gefährdet, und wie gelingt der Weg zurück zu Stabilität, Energie und Lebensqualität?
Ein Gespräch mit Mag. Sophie Heidler, leitende Psychologin am AMEOS Privatklinikum Bad Aussee, über Burnout, chronischen Stress und den Weg zurück zur inneren Balance
Frau Mag. Heidler, Burnout ist heute ein Begriff, den fast jeder kennt. Aber was steckt psychologisch / medizinisch konkret dahinter?
Burnout ist kein fester psychiatrischer Diagnosebegriff im klassischen Sinne, sondern beschreibt einen Erschöpfungszustand, der sich aus chronischem, meist beruflichem Stress entwickelt. Obwohl er nicht als eigenständige Erkrankung gilt, ist Burnout ein ernstzunehmender Faktor, der die Gesundheit massiv beeinflussen kann. In der Praxis sehe ich es als einen Prozess: am Anfang steht oft ein übermäßiges Engagement, ein Gefühl von Unentbehrlichkeit. Dann folgen schleichend die emotionale Erschöpfung, oft der Zynismus sowie das Gefühlverminderter Leistungsfähigkeit. Am Ende stehen häufig die innere Distanzierung von der Arbeit oder den Anforderungen und eine tiefe Leere.
Wie unterscheidet sich das von einer gewöhnlichen Erschöpfung oder einer Depression?
Das ist eine der wichtigsten Fragen! Die Trennlinie dazwischen ist fließend, aber entscheidend. Während man sich bei normaler Erschöpfung durch Schlaf und Auszeit erholen kann, ist das beim Burnout so nicht möglich – selbst ein langer Urlaub bringt keine wirkliche Erleichterung. Die Erschöpfung ist strukturell geworden. Eine Depression greift noch tiefer. Sie betrifft alle Lebensbereiche, nicht nur den beruflichen, und geht häufig mit Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und dem Verlust von Selbstwert einher. Burnout und Depression überlappen sich oft, denn unbehandelter Burnout kann in eine klinische Depression münden. Deshalb ist eine sorgfältige Differenzialdiagnostik so wichtig.
Woran erkennen Betroffene – oder deren Angehörige – dass es ernst wird?
Es gibt eine Reihe von Warnsignalen, die man nicht ignorieren sollte. Körperliche Symptome können anhaltende Schlafstörungen, häufige Infekte, chronische Kopf- bzw. Rückenschmerzen oder Herzklopfen ohne medizinischen Befund sein. Psychische Veränderungen sind oft zunehmende Reizbarkeit, emotionale Distanziertheit und der Drang, funktionieren zu müssen, aber innerlich leer zu sein. Auf der kognitiven Ebene treten Konzentrationsprobleme und Vergesslichkeit auf, man hat das Gefühl, den Überblick, der früher selbstverständlich war, zu verlieren. Besonders alarmierend ist es, wenn jemand aufhört, Dinge zu genießen, die ihm früher Freude gemacht haben – das nennen wir Anhedonie, und sie ist ein deutliches Signal, dass professionelle Hilfe nötig ist.
Was sind typische Auslöser? Ist es wirklich nur der Job?
Nein, keineswegs. Der Beruf ist oft der sichtbarste Faktor, aber selten der einzige. Ich erlebe Patientinnen und Patienten, die unter einer Kombination aus beruflichem Druck, familiären Belastungen, Pflegeverantwortung für Angehörige und einem allgemeinen Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben leiden. Hinzu kommen persönlichkeitsbezogene Faktoren wie z.B. Perfektionismus oder eine ausgeprägte Tendenz, Hilfe abzulehnen bzw. ein überentwickeltes Pflichtbewusstsein. Gesellschaftlich beobachten wir zudem eine zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. Das ist neurobiologisch gesehen ein Problem, denn das Gehirn braucht echte Erholungsphasen, um sich zu regenerieren.
Welche Folgeerkrankungen können entstehen, wenn Burnout nicht behandelt wird?
Das Spektrum ist breit und ernst und es besteht die Gefahr einer Chronifizierung. Neben der bereits erwähnten Depression sehen wir gehäuft Angststörungen, insbesondere generalisierte Angst und Panikattacken. Dauerstress erhöht nachweislich das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen – Herz-Kreislauf-Probleme, Bluthochdruck. Das Immunsystem leidet, der Körper ist anfälliger für Infekte und Entzündungen. Auch Substanzabhängigkeiten – Alkohol, Schlafmittel – entstehen nicht selten als Selbstmedikationsversuch. Burnout ist kein Luxusproblem und kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein ernsthaftes gesundheitliches Risiko, das behandelt werden muss, wobei die frühzeitige Intervention die Prognose deutlich verbessert.
Welche Behandlungsmöglichkeiten bietet das AMEOS Privatklinikum Bad Aussee?
Wir verfolgen ein integratives, multimodales Konzept, das nach einer differenzierten Diagnostik angewandt wird. Dazu gehören psychotherapeutische Verfahren (z. B. kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze, Gesprächstherapie, Psychodrama) sowie körperorientierte Therapien, Entspannungs- und Achtsamkeitstraining und bei Bedarf medikamentöse Behandlung. Ergänzend arbeiten wir mit Bewegungs-, Ergo- und Kreativtherapien. Ein wesentlicher Teil der Behandlung ist die Psychoedukation: Betroffene lernen zu verstehen, was mit ihnen geschieht, welche Muster sie in die Erschöpfung geführt haben und wie sie diese langfristig verändern können. Entscheidend ist aber, dass wir eine individuelle Kombination der Verfahren praktizieren und kein „Standardprogramm“.
Was können Menschen tun, bevor es so weit kommt?
Prävention beginnt mit Selbstwahrnehmung und die ist trainierbar. Ich empfehle den regelmäßigen Blick ins Innere: Wie fühle ich mich wirklich? Schlafe ich gut? Kann ich abschalten? Habe ich noch Freude an Dingen außerhalb der Arbeit? Auch die körperliche Bewegung ist eine der wirksamsten Methoden zur Stressregulation, die wir kennen – und sie kostet nichts. Soziale Verbindungen sind ebenfalls schützend. Und schließlich sollten man den Mut aufbringen, Grenzen zu setzen und Hilfe anzunehmen. Das ist keine Niederlage, das ist Intelligenz.
Und zu guter Letzt: was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Ziel einer erfolgreichen Behandlung?
Wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Weg vom reinen Funktionieren, hin zu einem Leben, das sich stimmig anfühlt. Wenn Menschen lernen, ihre Ressourcen zu nutzen und ihre Grenzen zu respektieren, entsteht oft etwas sehr Nachhaltiges, nämlich echte innere Stabilität.
Frau Mag. Heidler, vielen Dank für das Gespräch!
Veranstaltungshinweis
In einer offenen Abendveranstaltung geben Prof. Hans-Peter Kapfhammer von der Medizinischen Universität Graz sowie Mag. Sophie Heidler, Leitende Psychologin vom AMEOS Privatklinikum Bad Aussee wertvolle Einblicke in Ursachen, Symptome und wirksame Therapieansätze bei Burnout und anderen Stressfolgeerkrankungen.
Das Event ist eine Kooperation zwischen dem AMEOS Privatklinikum Bad Aussee und dem Münchner Merkur/tz und spricht Betroffene, Angehörige, Behandler und Behandlerinnen und am Thema Burnout Interessierte an.
Zeit: Mittwoch, 20. Mai, 18 Uhr
Ort: " Alte Rotation" im Pressehaus des Münchner Merkur/tz, Bayerstr. 57, 80335 München
Die Veranstaltung ist kostenlos. Anmeldung erbeten unter +49 89 530 6222
