30 Grad, strahlender Sonnenschein und Urlaubsstimmung: Für viele Menschen ist der Sommer die schönste Zeit des Jahres. Doch nicht alle können diese Zeit unbeschwert genießen. Manche fühlen sich trotz blauem Himmel antriebslos, erschöpft oder traurig. Wer sich so fühlt, ist damit nicht allein. Denn psychische Erkrankungen kennen keine Jahreszeiten. Das AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg möchte Betroffenen Mut machen und zeigen, warum es sich lohnt, Warnsignale ernst zu nehmen und frühzeitig Unterstützung anzunehmen.
„Psychische Erkrankungen richten sich nicht nach dem Wetter. Auch wenn draußen die Sonne scheint, können sich Betroffene innerlich wie unter einer dunklen Wolke fühlen“, sagt Dr. Timo Specht, Chefarzt der Rehabilitationsklinik für Psychosomatik im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg. Zwar treten depressive Erkrankungen statistisch häufiger in den dunkleren Monaten auf, dennoch können psychische Belastungen das ganze Jahr über entstehen. „Menschen erkranken, wenn ihre Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen, überfordert wird. Das, was im Leben schwer ist und das, was wir dem entgegensetzen können, richtet sich oft nicht nach dem Wetter“, erklärt Dr. Specht.
Anhaltende Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, den Alltag trotz großer Anstrengung nicht mehr bewältigen zu können, sind erste Warnsignale, die ernst genommen werden sollten. Auch wenn soziale Kontakte zunehmend zur Belastung werden oder Dinge, die früher Freude bereitet haben, gleichgültig erscheinen, ist es ratsam, diesen Veränderungen nachzugehen und Unterstützung in Betracht zu ziehen. „Psychische Erkrankungen entwickeln sich oft schleichend und viele Menschen erkennen erst spät, dass sie erkrankt sind“, sagt Dr. Specht. „Zunächst nehmen sie eher körperliche Einschränkungen oder einen zunehmend belastenderen Alltag wahr und schreiben ihre Beschwerden nur den äußeren Umständen zu.“ Die eigentlichen Auslöser können dabei ganz unterschiedlich sein, etwa langanhaltender Stress, der Verlust eines nahestehenden Menschen, eine schwere körperliche Erkrankung oder Konflikte in Familie und Beruf. „Ein gemeinsamer Nenner vieler Betroffener ist das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit“, erläutert der Chefarzt.
Die gute Nachricht ist: Psychische Erkrankungen sind behandelbar. Wer merkt, dass die eigenen Kräfte trotz aller Bemühungen nicht mehr ausreichen, sollte sich Unterstützung suchen. Erste Ansprechpartner sind in der Regel Hausärztinnen und Hausärzte. Sie können Beschwerden einordnen und gemeinsam mit den Betroffenen die nächsten Schritte planen.
Auch eine psychosomatische Rehabilitation kann helfen, neue Perspektiven zu entwickeln und wieder Sicherheit im Umgang mit belastenden Lebenssituationen zu gewinnen. Im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg lernen Rehabilitandinnen und Rehabilitanden, Warnsignale ihres Körpers besser wahrzunehmen, eigene Ressourcen zu stärken und Strategien zu entwickeln, die sie langfristig im Alltag tragen. Was Betroffene dort erwartet, beschreibt Dr. Specht so: „Die psychosomatische Rehabilitation ist eine Art Selbstfürsorgetrainingslager mit langfristiger Wirkung. Sie hilft Menschen dabei, neue Wege im Umgang mit belastenden Lebenssituationen zu entwickeln und dabei selbst im Gleichgewicht zu bleiben. Reha-Medizin ist Befähigungsmedizin. Es geht nicht darum, plötzlich allem gerecht zu werden, sondern auch dann einen guten Weg zu finden, wenn sich belastende Situationen nicht verändern lassen.“
Gerade diese Haltung könne Betroffenen helfen, den Blick auf sich selbst zu verändern. Nicht Perfektion oder ständige Leistungsfähigkeit seien das Ziel, sondern ein selbstfürsorglicher und gesunder Umgang mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Menschen, die glauben, sie müssten ihre psychischen Belastungen allein bewältigen, möchte Dr. Specht Mut machen: „Ich würde zunächst fragen, warum man das glaubt. Wenn professionelle Hilfe notwendig ist, erkläre ich es gern am Beispiel eines Bergführers: Wer ohne Übung allein ein Hochgebirge durchqueren möchte, kann scheitern. Mit einem Bergführer kann es gelingen. Laufen und klettern müssen Sie trotzdem selbst, und das Ziel ist, dass Sie den Weg irgendwann auch ohne Bergführer schaffen.“
Auch im Alltag lässt sich viel für die psychische Gesundheit tun. Regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, soziale Kontakte, bewusste Erholungsphasen und ein achtsamer Umgang mit den eigenen Grenzen stärken die seelische Widerstandskraft. „Wer seinen Körper als besten Freund versteht und seine Rückmeldungen ernst nimmt, schafft eine wichtige Grundlage für die eigene psychische Gesundheit. Entscheidend ist, ins Handeln zu kommen“, sagt Dr. Specht.
