ADHS betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche. Auch bei Erwachsenen kann die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung den Alltag, die psychische Gesundheit und die soziale Teilhabe erheblich beeinträchtigen. Treffen ADHS und eine Suchterkrankung aufeinander, werden Diagnostik und Behandlung besonders anspruchsvoll. Welche Zusammenhänge bestehen zwischen beiden Erkrankungen? Wie lässt sich ADHS im Erwachsenenalter zuverlässig erkennen und behandeln? Und welche Besonderheiten sind bei einer medikamentösen Therapie zu beachten?

Mit diesen Fragen befasste sich am 7. Oktober 2026 das diesjährige AMEOS Fachforum „ADHS und Sucht“ in Lübeck. Rund 130 Fachkräfte aus Medizin, Therapie und Sozialarbeit sowie weitere Interessierte kamen zusammen, um aktuelle Erkenntnisse zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und die Versorgung Betroffener weiterzuentwickeln.

„Gerade bei ADHS und Sucht ist ein differenzierter Blick entscheidend. Hinter problematischem Konsum können unterschiedliche Ursachen und Krankheitsverläufe stehen. Umgekehrt kann eine nicht erkannte oder unzureichend behandelte ADHS die Entstehung oder Aufrechterhaltung einer Suchterkrankung begünstigen“, sagt Dr. Martin Lison, Ärztlicher Leiter der AMEOS Klinika Lübeck.

 

Zwei Erkrankungen, viele Wechselwirkungen

ADHS beginnt in der Kindheit, häufig vor dem 10. Lebensjahr, und besteht meist bis ins Erwachsenenalter fort. Im Vordergrund stehen dann oftmals Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Impulsivität sowie Schwierigkeiten bei Organisation und Selbststeuerung. Die Symptome können sich mit denen einer Suchterkrankung überschneiden oder durch den Konsum von Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen verändert werden. Das erschwert die diagnostische Einordnung und stellt besondere Anforderungen an die Behandlung.

 

Fachwissen und Erfahrung verbinden

Das AMEOS Fachforum verbindet unterschiedliche Perspektiven aus der Versorgungspraxis. Im Mittelpunkt standen in diesem Jahr aktuelle Erkenntnisse aus der ambulanten fachärztlichen Versorgung, der psychotherapeutischen Diagnostik und Behandlung sowie der psychiatrischen und suchtmedizinischen Praxis. Auch ein Betroffener kam zu Wort und ergänzte die fachlichen Beiträge um eine persönliche Perspektive.

„Fachwissen ist die Grundlage unserer Arbeit. Ebenso wichtig ist es, die Erfahrungen der Menschen zu kennen, die unsere Unterstützung in Anspruch nehmen. Ihre Perspektive hilft uns, Versorgung nicht nur medizinisch richtig, sondern auch lebensnah und zugänglich zu gestalten“, betont Dr. Lison.

Zu den Referierenden gehörten PD Dr. med. Daniel Alvarez-Fischer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Lübeck, Dipl.-Psych. Dr. phil. Roy Murphy, Leiter der Ausbildung Psychologische Psychotherapie am IFT-Nord in Kiel, sowie Dr. med. Julia Reutermann-Kämmerer, Oberärztin am ZIP am Campus Lübeck.

Neben der fachlichen Fortbildung ist das Forum vor allem auch eine Plattform für Vernetzung. Denn Menschen mit ADHS und Suchterkrankungen bewegen sich häufig zwischen unterschiedlichen Versorgungsangeboten. Eine gute Behandlung setzt daher voraus, dass die beteiligten Berufsgruppen und Einrichtungen miteinander im Austausch stehen und Übergänge zwischen ambulanter, stationärer, psychotherapeutischer und sozialer Unterstützung funktionieren.