Julia Grüning kennt die Blicke, die sich verändern, wenn jemand hört, dass sie Chirurgin ist. Als Assistenzärztin wurde sie im OP und auf Station häufiger als Schwester angesprochen, während ihre männlichen Kollegen ganz selbstverständlich für die Verantwortlichen gehalten wurden. Persönlich genommen hat sie das nie, aber es hat ihr gezeigt, wie tief bestimmte Rollenbilder in der Chirurgie noch immer verankert sind. Heute ist sie leitende Oberärztin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am AMEOS Klinikum Schönebeck, und für sie zählt dabei vor allem eines: Kompetenz, Klarheit und ein respektvoller Umgang.
Vom Zweifel zur Überzeugung: Der Weg in die Chirurgie
Im Studium zog es sie zunächst in das Fachgebiet der Rechtsmedizin oder Gynäkologie, bis mehrere Famulaturen und Praktika im klinischen Abschnitt sie für die Allgemein- und Viszeralchirurgie gewannen. Die Erfahrung, in einem männlich geprägten Fachbereich häufiger nach ihrer Rolle gefragt zu werden als nach ihrer Kompetenz, hat sie dabei nicht entmutigt. Diese Situationen erlebt sie heute deutlich seltener. Wenn sie doch vorkommen, sieht sie darin vor allem einen Auftrag: Jüngere Kolleginnen sollen sich ihren Platz selbstbewusst nehmen, nicht als Frau in der Chirurgie, sondern einfach als gute Chirurgin.
Geprägt hat sie auf diesem Weg auch ein Einsatz weit außerhalb des OP-Saals. Als ausgebildete Notärztin gehörte sie am 20. Dezember 2024 zu den Medizinerinnen und Medizinern, die nach der Amokfahrt in Magdeburg in Zivil vor Ort halfen. Was sie an diesem Abend mitgenommen hat, ist vor allem eines: wie schnell sich medizinisches Personal privat verständigte, um gemeinsam zu helfen.
Fortschritt für die Patienten
Im März 2026 hat die Chirurgin die laparoskopische eTEP-Technik in Schönebeck eingeführt. Bei einem Bauchdeckenbruch stabilisiert ein Netz die geschwächte Bauchwand. Beim klassischen laparoskopischen Verfahren liegt dieses Netz im Bauchraum selbst und muss dort mit Tackern befestigt werden, was Darmverletzungen begünstigen und zu Verwachsungen zwischen Darmschlingen und Netz führen kann. Bei der eTEP-Technik wird das Netz stattdessen zwischen den Schichten der Bauchdecke platziert, außerhalb des empfindlichen Bauchraums, und kommt ohne Tacker aus. Das senkt das Risiko für Darmverletzungen und Verwachsungen deutlich und verringert die Schmerzen nach dem Eingriff. Weil das Verfahren technisch anspruchsvoll ist, bietet es nicht jede Klinik an. In Schönebeck steht es Patientinnen und Patienten wohnortnah zur Verfügung.
Besonders anspruchsvoll wird es bei ungeplanten Notfällen, etwa wenn ein Darmverschluss oder ein Darmdurchbruch sofortiges Handeln erfordert. Da kein Krankheitsbild dem anderen gleicht, entscheidet Julia Grüning in solchen Momenten direkt im OP, welche Methode dem Patienten oder der Patientin das beste Ergebnis verspricht und ihn möglichst schnell aus einer lebensbedrohlichen Situation in einen stabilen Zustand bringt. Allein gelingt das nach ihrer eigenen Überzeugung nie: Die Behandlung beginnt bereits in der Notaufnahme, setzt sich durch das Pflegepersonal und die Medizinischen Technologen für Radiologie fort, die wichtige Zusatzinformationen liefern, und wird im Operationssaal weitergeführt, wo das OP-Management, die OP-Pflegekräfte und die operationstechnische Assistentinnen und Assistenten jeden Eingriff ermöglichen.
Nähe und Ehrlichkeit im Umgang mit Patienten
Am Morgen einer geplanten Operation nimmt sich die leitende Oberärztin bewusst Zeit für jeden einzelnen Patienten. Sie bespricht die ungefähre Dauer des Eingriffs, klärt letzte Fragen und markiert gemeinsam mit dem Patienten das OP-Gebiet, ein kleiner Moment, der Sicherheit gibt. Angst vor einer außergewöhnlichen Situation hält sie für ein nachvollziehbares Gefühl, ebenso wie die Scham, mit der viele Patienten bei Erkrankungen im Bauch- oder Beckenbereich zu ihr kommen. „Sie müssen sich vor mir für nichts schämen“, sagt sie dann und versucht herauszufinden, wovor jemand wirklich Angst hat, vor der Narkose, den Schmerzen, der Diagnose oder dem Kontrollverlust. Gleichzeitig bleibt sie ehrlich: Eine Operation, die medizinisch nötig ist, erübrigt sich nicht dadurch, dass man sie aufschiebt, manche Erkrankungen lassen sich durch das Warten sogar deutlich schwerer behandeln.
Zu guter Chirurgie gehört für sie auch das Gespräch nach der Operation, gerade dann, wenn der Verlauf nicht dem entspricht, was sich Ärztin und Patient gemeinsam gewünscht hatten. Im OP kann sie hochkonzentriert entscheiden und alles tun, was medizinisch möglich ist, danach beginnt der menschliche Teil. Präsent bleiben, ehrlich erklären und die Emotionen von Patienten und Angehörigen aushalten: Stärke in der Chirurgie bedeutet für sie nicht, keine Gefühle zu zeigen, sondern auch in schwierigen Momenten ruhig und zugewandt zu bleiben. Erfahrungen wie diese haben sie nach eigenen Worten menschlich wachsen lassen.
Häufig wird der schnelle, unkomplizierte Weg zum vermeintlich perfekten Bauch gezeichnet. Nicht zu sehen sind dabei die medizinische Notwendigkeit, die individuelle Anatomie und vor allem der Genesungsprozess danach. Eine Operation ist für sie keine Schönheitsbehandlung, sondern immer ein Eingriff in den Körper, auch dann, wenn sie minimalinvasiv erfolgt.
Verständnis hat sie dagegen für den Wunsch nach einem bestimmten Körperbild, das in den sozialen Medien häufig durch Darstellungen von Bauchoperationen geprägt wird. Ihr Anspruch ist deshalb nicht, Patientinnen und Patienten von einer Operation zu überzeugen, sondern ihnen dabei zu helfen, eine fundierte Entscheidung zu treffen, wenn ein Eingriff tatsächlich sinnvoll ist.
Der Blick nach vorn
Für die kommenden Jahre hat Julia Grüning ein klares Bild vor Augen: eine chirurgische Klinik in Schönebeck, hinter der die Menschen aus der Region stehen, mit einer starken Hernienchirurgie und einem wachsenden viszeralchirurgischen und kolorektalen Schwerpunkt, ohne dabei die Stärke eines regionalen Krankenhauses aus den Augen zu verlieren. Ebenso wichtig ist ihr das Team dahinter: junge Ärztinnen und Ärzte, die eine gute Ausbildung erhalten, Verantwortung übernehmen dürfen und in schwierigen Situationen wissen, dass sie nicht allein sind. Führung bedeutet für sie deshalb nicht, möglichst viel selbst zu erledigen, sondern Strukturen zu schaffen, in denen gute Medizin dauerhaft möglich bleibt.
Foto: AMEOS
BU: Julia Grüning, leitende Oberärztin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am AMEOS Klinikum Schönebeck.
AMEOS Ost verbindet die 17 AMEOS Einrichtungen an elf Standorten in Sachsen-Anhalt mit insgesamt 1.900 Betten bzw. Behandlungsplätzen. Mit rund 4.000 Mitarbeitenden zählen wir zu den größten Arbeitgebern der Region. AMEOS sichert die Gesundheitsversorgung in den Regionen: An über 61 Standorten in unseren Krankenhäusern, Poliklinika, Reha-, Pflege- und Eingliederungseinrichtungen sind wir Vorreiter in Medizin, Pflege und Betreuung. Rund 19.300 Mitarbeitende kümmern sich jährlich um das Wohlergehen von über einer halben Million Menschen. Denn für AMEOS gilt: Vor allem Gesundheit.
Weitere Informationen: ameos.eu
