Wenn ehemalige Patientinnen und Patienten Monate später gesund auf der Intensivstation vorbeischauen, sind das für Evelyn Reinecke die Momente, die ihren Beruf besonders machen. Im Gespräch berichtet die Pflegefachkraft, was sie an ihrer täglichen Arbeit begeistert, wie das Team auch in belastenden Situationen zusammenhält und weshalb sie die Arbeit auf der Intensivstation immer wieder wählen würde.
Bewusst zurück in die Heimat
Als Evelyn Reinecke die Intensivstation des AMEOS Klinikums Haldensleben betrat, war ihr das Arbeitsumfeld nicht fremd. Die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin hatte bereits viele Jahre Erfahrung in der Intensivpflege gesammelt. Zunächst an der Medizinischen Hochschule Hannover, anschließend auf der herzchirurgischen Intensivstation des Universitätsklinikums Magdeburg. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes entschied sie sich bewusst für einen beruflichen Neuanfang in ihrer Heimat.
„Mit zwei Kindern war es mir wichtig, im Ernstfall schnell bei meiner Familie sein zu können. Da ich in Haldensleben wohne, war das für mich der richtige Schritt. Und ich habe ihn nie bereut.“
Seit 2021 arbeitet sie auf der Intensivstation des AMEOS Klinikums Haldensleben. Dort werden Patientinnen und Patienten betreut, die nach großen Operationen oder aufgrund schwerer Erkrankungen eine besonders intensive medizinische und pflegerische Versorgung benötigen.
Weniger Patienten, dafür engmaschige Betreuung
Für Außenstehende wirkt die Arbeit auf einer Intensivstation oft vor allem technisch geprägt. Tatsächlich spielen Monitore, Beatmungsgeräte und andere medizinische Systeme eine zentrale Rolle. Im Mittelpunkt steht für Evelyn Reinecke jedoch der Mensch. Ein wesentlicher Unterschied zur Pflege auf einer Normalstation liegt im Betreuungsschlüssel. Während dort eine Pflegefachkraft deutlich mehr Patientinnen und Patienten versorgt, werden auf der Intensivstation weniger Menschen gleichzeitig betreut, dafür wesentlich intensiver.
„Man betreut weniger Patienten, aber mit einem viel höheren Aufwand. Jeder braucht kontinuierliche Überwachung, Infusionen, Medikamente oder Beatmung. Man ist die ganze Zeit eng an seiner Seite.“
Wer sich für die Intensivpflege entscheidet, sollte aus ihrer Sicht vor allem Offenheit und Lernbereitschaft mitbringen. Das notwendige Fachwissen werde Schritt für Schritt vermittelt.
„Neugier, Flexibilität und der Wille zu lernen sind wichtig. Das Fachliche entwickelt sich im Arbeitsalltag. Niemand muss am ersten Tag alles können.“
Neue Kolleginnen und Kollegen werden mehrere Monate strukturiert eingearbeitet. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, sich mit einer zweijährigen Fachweiterbildung in Anästhesie- und Intensivpflege weiter zu qualifizieren.
Teamarbeit ist auf der Intensivstation entscheidend
Gerade in Notfallsituationen zeigt sich, wie wichtig ein eingespieltes Team ist. Wenn sich der Zustand eines Patienten plötzlich verschlechtert oder eine Reanimation notwendig wird, greifen auf der Intensivstation klar definierte Abläufe.
„Jeder weiß, was zu tun ist. Der Arzt gibt die medizinischen Anweisungen und wir setzen sie gemeinsam um. Danach besprechen wir den Einsatz noch einmal. Was lief gut? Was können wir verbessern? Das gehört für uns einfach dazu.“
Mindestens genauso wichtig wie fachliche Kompetenz sei dabei die Kommunikation. Evelyn Reinecke beschreibt die Zusammenarbeit zwischen Pflege und Ärzteschaft als offen und unkompliziert.
„Hier kommunizieren wir auf Augenhöhe. Morgens besprechen wir gemeinsam den Tag, welche Patienten kommen, welche Untersuchungen geplant sind und was ansteht. Dadurch weiß jeder, worauf er sich einstellen muss.“
Auch innerhalb des Pflegeteams sei gegenseitige Unterstützung selbstverständlich.
„Fragen zu stellen ist völlig normal, egal, ob jemand neu ist oder schon viele Jahre hier arbeitet. Es gibt niemanden, der sagt: Das müsstest du doch wissen. Wir helfen uns gegenseitig.“
Belastende Situationen gemeinsam bewältigen
Auf einer Intensivstation gehören auch schwierige Momente zum Berufsalltag. Nicht jede Behandlung endet erfolgreich. Der Umgang mit Tod und schweren Krankheitsverläufen verlangt viel Professionalität, aber auch einen bewussten Umgang mit den eigenen Emotionen.
„Natürlich nehme ich manche Situationen mit nach Hause. Besonders dann, wenn jüngere Menschen betroffen sind. Aber wir sprechen im Team darüber. Und ich finde meinen Ausgleich im Sport. Das hilft mir, Abstand zu gewinnen.“
Nach belastenden Einsätzen tauscht sich das Team bewusst aus.
„Wir setzen uns danach zusammen und sprechen darüber. Das hilft dabei, Situationen einzuordnen und gemeinsam daraus zu lernen.“
Wenn ehemalige Patienten wieder vor der Tür stehen
Zu den Momenten, die Evelyn Reinecke besonders in Erinnerung bleiben, gehören Begegnungen mit Menschen, die nach einer schweren Erkrankung wieder gesund ins Krankenhaus zurückkehren.
„Wenn jemand nach Wochen oder Monaten klingelt und sagt: 'Mir geht es wieder gut. Danke, dass ihr für mich da wart'. Genau das sind Momente, die man nicht vergisst.“
Nicht alle Patientinnen und Patienten erinnern sich an ihren Aufenthalt auf der Intensivstation. Viele wurden beatmet oder künstlich sediert. Umso mehr bedeuten ihr die Rückmeldungen von Betroffenen und Angehörigen.
„Das ist für mich immer das Schönste. Dann weiß ich, warum ich diesen Beruf ausübe.“
Mit Patienten sprechen
Für Evelyn Reinecke endet Kommunikation nicht dort, wo Patienten nicht mehr reagieren können. Auch bewusstlose oder beatmete Menschen werden während jeder pflegerischen Maßnahme angesprochen.
„Egal, ob jemand wach ist oder im Koma liegt, wir erklären jeden Handgriff. Niemand weiß genau, was Menschen in dieser Situation wahrnehmen. Deshalb behandeln wir sie genauso respektvoll wie jeden anderen Patienten auch.“
Diese Haltung sei fester Bestandteil professioneller Intensivpflege.
Schichtdienst und Familie schließen sich nicht aus
Viele verbinden den Schichtdienst mit einer schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Evelyn Reinecke hat für sich einen Weg gefunden, beides miteinander zu verbinden. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern organisiert sie den Familienalltag. Unterstützt wird dies durch eine Dienstplanung, bei der individuelle Wünsche nach Möglichkeit berücksichtigt werden.
„Wir können Wünsche für den Dienstplan äußern und darauf wird wirklich Rücksicht genommen. Das hilft enorm.“
Den Schichtdienst empfindet sie sogar als Vorteil. „Ich genieße es, vormittags Zeit zu haben oder unter der Woche frei zu haben. Dann gehe ich zum Sport, erledige Termine oder treffe mich mit Freunden. Einen klassischen Büroalltag könnte ich mir heute gar nicht mehr vorstellen.“
Berührungsängste abbauen und Chancen erkennen
Wer zum ersten Mal über eine Tätigkeit auf einer Intensivstation nachdenkt, hat häufig Respekt vor der Verantwortung oder vor der Arbeit mit beatmeten Patientinnen und Patienten. Evelyn Reinecke kann diese Unsicherheit nachvollziehen, hält sie aber für unbegründet.
„Viele haben Berührungsängste. Aber niemand wird allein gelassen. Man wächst Schritt für Schritt in die Aufgaben hinein und kann jederzeit Fragen stellen.“
Für sie lebt die Intensivpflege von der engen Zusammenarbeit und davon, Menschen in einer besonders schwierigen Lebensphase begleiten zu können.
„Wir freuen uns über neue Kolleginnen und Kollegen. Wer offen ist, gerne im Team arbeitet und bereit ist, dazuzulernen, findet hier ein spannendes Arbeitsfeld.“
Die Intensivpflege sei anspruchsvoll, sagt Evelyn Reinecke. Gleichzeitig sei sie abwechslungsreich, fachlich vielseitig und voller Begegnungen, die lange in Erinnerung bleiben.
