Sehr geehrter Herr Professor Dietrich, warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit dem Thema Depressionen?

Prof. Dietrich: Affektive Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Die Ursachsen können sehr vielfältig sein und sind nur teilweise verstanden. Deshalb habe ich mich sowohl wissenschaftlich als auch klinisch intensiv mit diesen Krankheitsbildern beschäftigt. Mein Ziel ist, die Erkrankungen besser zu verstehen und Betroffenen wirksam helfen zu können.

Wie häufig sind Depressionen in Deutschland?

Prof. Dietrich: Etwa jede fünfte Person erkrankt im Laufe ihres Lebens an einer Depression. Aktuell leiden in Deutschland schätzungsweise fünf bis sechs Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Das zeigt die große gesellschaftliche Bedeutung dieser Erkrankung.

Warum scheinen Depressionen heute häufiger aufzutreten?

Prof. Dietrich: Sie treten wahrscheinlich tatsächlich gar nicht unbedingt viel häufiger auf, sondern vermeintlich durch eine bessere Aufklärung erkennen Betroffene und Angehörige Warnzeichen heute früher und suchen vermehrt ärztliche Hilfe. Dadurch werden Depressionen häufiger diagnostiziert. Gleichzeitig gibt es aber auch Hinweise darauf, dass insbesondere belastungsbedingte, sogenannte reaktive Depressionen, zunehmen. Dabei spielen anhaltender Stress, Krisen oder andere belastende Lebensereignisse eine wichtige Rolle. Häufig kommen mehrere Ursachen zusammen.

Welche Rolle spielen körperliche Erkrankungen?

Prof. Dietrich: Vor Beginn einer Behandlung sollte immer ausgeschlossen werden, dass körperliche Erkrankungen die Beschwerden verursachen. Deshalb sind die Hausärztin oder der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Beispielsweise kann eine Schilddrüsenunterfunktion Symptome wie Müdigkeit, Antriebs- und Energielosigkeit oder Konzentrationsstörungen auslösen, die dann einer Depression ähneln. Wird die Schilddrüsenerkrankung behandelt, verschwinden die Beschwerden häufig wieder.

Prof. Dietrich: Auch andere organische Ursachen, beispielsweise in der Regel Durchblutungsstörungen im Gehirn, können depressive Symptome hervorrufen und müssen ausgeschlossen werden.

Woran erkennt man eine Depression?

Prof. Dietrich: Zu den drei Hauptsymptomen gehören:

• gedrückte Stimmung,

• Interessen- und Freudelosigkeit,

• verminderter Antrieb

Hinzu kommen häufig Schlafstörungen, Appetitveränderungen, Konzentrationsprobleme, ausgeprägte negative Gedanken, Hoffnungslosigkeit sowie sozialer Rückzug. In schweren Fällen können Suizidgedanken auftreten.

Ab wann spricht man von einer Depression?

Prof. Dietrich: Von einer Depression spricht man, wenn die Beschwerden über mindestens zwei Wochen bestehen und mehrere typische Symptome gleichzeitig auftreten. Eine leichte Depression liegt vor, wenn mindestens zwei Hauptsymptome und mehrere Zusatzsymptome vorhanden sind. Bei einer schweren Depression sind alle drei Hauptsymptome sowie zahlreiche weitere Symptome ausgeprägt.

Warum suchen viele Betroffene erst spät Hilfe?

Prof. Dietrich: Ein typisches Symptom der Depression ist Antriebslosigkeit. Gerade sie erschwert es vielen Betroffenen, einen Arzt aufzusuchen. Häufig werden die Beschwerden zunächst auf Stress, Überlastung oder persönliche Probleme zurückgeführt. Je besser Depressionen in der Öffentlichkeit bekannt sind, desto eher erkennen Betroffene und Angehörige die Warnzeichen. Und eine frühe Diagnose verbessert die Behandlungschancen deutlich.

Welche Faktoren erhöhen das Risiko für eine Depression?

Prof. Dietrich: Depressionen entstehen meist durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören – mehr oder weniger – beispielsweise genetische Veranlagung, belastende Lebensereignisse, chronischer Stress, Einsamkeit oder bestimmte Persönlichkeitsmerkmale.
Schützende Faktoren sind stabile soziale Beziehungen, gute Bewältigungsstrategien und ein unterstützendes Umfeld.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Prof. Dietrich: Die Behandlung richtet sich nach den individuellen Ursachen und dem Schweregrad der Erkrankung. Zu den wichtigsten Angeboten gehören Psychotherapie und moderne Antidepressiva.

Prof. Dietrich: Je nach Situation können zusätzlich Bewegungs- und Ergotherapie, Lichttherapie bei saisonalen Depressionen oder weitere spezialisierte Verfahren wie die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS oder bei schweren Verläufen die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) sinnvoll sein. Für nahezu jede Form der Depression stehen heute wirksame Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Entscheidend ist, dass Betroffene frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Wo erhalten Betroffene Hilfe?

Prof. Dietrich: Die erste Anlaufstelle sind Hausärztinnen und Hausärzte. Sie können körperliche Ursachen ausschließen, eine erste Behandlung einleiten und bei Bedarf an Fachärztinnen und Fachärzten oder zur Psychotherapie überweisen. Je früher eine Depression erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen.