Über viele Jahre ging man davon aus, dass das Gehirn vor allem Informationen aus der Außenwelt verarbeitet – das, was wir sehen, hören oder berühren. Die moderne Neurowissenschaft zeigt jedoch, dass Signale aus dem Inneren unseres Körpers mindestens ebenso wichtig sind. Die Fähigkeit, diese wahrzunehmen und zu verarbeiten, nennt man Interozeption.
Welche Bedeutung diese Fähigkeit an der Schnittstelle zwischen Psychosomatik und Neurologie hat, erklärt unser Oberarzt Dr. med. Wojciech Kotkowski.
Interozeption beschreibt die Wahrnehmung und Interpretation von Signalen aus dem Körperinneren. Dazu gehören Informationen aus Herz, Lunge, Darm, Muskeln und Blutgefäßen. Sie ermöglicht es uns, Hunger, Durst, Müdigkeit, Herzklopfen oder Muskelspannung wahrzunehmen. Die meisten dieser Vorgänge laufen unbewusst ab und beeinflussen dennoch maßgeblich unser emotionales Erleben, unser Wohlbefinden und unser Verhalten.
Aktuelle wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass bei Menschen mit chronischem Stress, Angststörungen, Depressionen oder chronischen Schmerzen die Verarbeitung dieser Körpersignale verändert sein kann. Das bedeutet keineswegs, dass die Beschwerden „eingebildet“ sind. Vielmehr interpretiert das Nervensystem die eingehenden Signale auf eine andere Weise – und genau dadurch entstehen reale körperliche und emotionale Symptome.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die sogenannte Insula (Inselrinde), ein Hirnareal, das Informationen aus den inneren Organen mit Emotionen und kognitiven Prozessen verknüpft. Deshalb können Muskelverspannungen, Atemveränderungen, Herzrasen oder Beschwerden des Verdauungssystems unser seelisches Befinden beeinflussen – und umgekehrt können psychische Belastungen körperliche Symptome verstärken.
Die moderne Neurologie verabschiedet sich zunehmend von der strikten Trennung zwischen „körperlichen“ und „psychischen“ Erkrankungen. Das Gehirn arbeitet niemals isoliert. Es steht in einem kontinuierlichen Dialog mit dem gesamten Organismus und passt auf dieser Grundlage unsere Gefühle, unser Verhalten und unsere Reaktionen auf Belastungen an.
Interozeption gehört heute zu den spannendsten Forschungsfeldern an der Schnittstelle von Neurowissenschaft, Psychosomatik und Medizin. Ein besseres Verständnis dieser Prozesse könnte künftig dazu beitragen, Erkrankungen, bei denen Körper und Gehirn eng miteinander verbunden sind, früher zu erkennen und gezielter zu behandeln. Denn unser Gehirn rät nicht, wie es uns geht - es hört aufmerksam auf die Sprache unseres Körpers.
