Lesetipp: Bücher über das Leben mit Krebs

Es gibt jede Menge Bücher über Krebs. Von den Rehabilitanden im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg wird die Diplompsychologin Angelika von Aufseß oft gefragt, ob sie hilfreiche Bücher zum Thema Krebs empfehlen kann. Hier stellt sie nun zwei Bücher der Autorin Sabine Dinkel vor.  

Die Autorin und selbständige Beraterin Sabine Dinkel merkt nach ihrer Krebsdiagnose schnell, dass sie sich von der vorhandenen Ratgeberliteratur nicht unterstützt fühltund sie beschließt, selbst ein Buch zu schreiben, einen Ratgeber für das, was Menschen in dieser Situation wirklich brauchen können. Was für ein Glück, dass sie diese Entscheidung getroffen hat!

Sabine Dinkel, Krebs ist, wenn man trotzdem lacht: Wie ich von heute auf morgen Krebs hatte und wieder zu neuem Lebensmut fand (humboldt - Psychologie & Lebensgestaltung) Taschenbuch – 31. August 2017

 „Dieser Ratgeber soll Ihnen ein hilfreicher und humorvoller Begleiter sein. Freundlich wie eine Umarmung – heiter wie ein kleines Kichern“ (S.9), sagt sie selbst. Zu ergänzen wäre: kompetent, professionell, ermutigend und zutiefst menschenfreundlich.  In diesem Buch werden die einzelnen Schritte des Krankheitsprozesses sowie die Etappen seiner Verarbeitung genau betrachtet. Es werden die Fallstricke ebenso beleuchtet wie die Haltegriffe. Sie bietet sich an als Reiseführerin für Menschen, die von heute auf morgen auf dem Planet „Schnieptröte“ gelandet sind und sich mühsam mit diesem Planeten vertraut machen müssen. Dabei  ist sie eine unterhaltsame, bei aller Ernsthaftigkeit sehr witzige Reiseführerin.

Planet „Schnieptröte“? Sabine Dinkel ist erfinderisch. Sie mag das Wort Krebs nicht, also nennt sie fortan ihren Krebs Schnieptröte. Sie nennt ihre Angst Hildegard und die Chemo Schorle. Sie nützt ihre Sprachmacht, um sich selbst Mut zuzusprechen. Warum nicht mit Wortschöpfungen und Umbenennungen?!

Dies ist die herausragende Leistung der Autorin: Sie spricht nicht nur sich selbst Mut zu, sondern den Lesern, die sich anstecken lassen von der beherzten und unerschrockenen Art, die Erkrankung anzunehmen, sie zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen. „Dieses Buch ist wunderbar, das hätte ich schon viel früher gebraucht“, sagte eine Rehabilitandin, die sich das Buch bei uns ausgeliehen hatte. Die Autorin gibt konkrete Tipps aus der Praxis für die Praxis. Von A wie „ausziehfreundlich anziehen“, wenn der Arztbesuch ansteht bis Z „Zur Seite stehen und unterstützen“ aus der Rubrik für Angehörige, Familie und Freunde. Diese warnt sie vor gutgemeinten aber leider schädlichen Ratschlägen wie z.B. „Du musst immer positiv denken!“ Oder „Es könnte ja noch schlimmer sein.“ Und sie macht Vorschläge, welche Sätze ihr gut getan haben wie z.B. „Du allein bist Expertin für dein Leben und darfst entscheiden. Niemand sonst. Wenn du magst, helfe ich dir dabei.“

Wie der Titel vermuten lässt, beschreibt die Autorin ausführlich ihren Zugang zu Humor und zu dem Schutzfaktor, den er in schweren Zeiten darstellt. „Ich habe jedenfalls von Anfang an beschlossen: den Humor kriegt er nicht, der Arsch!“ Und das spürt der Leser auf jeder Seite. Man spürt ihn und sieht ihn in den wunderbaren Illustrationen. Wer Freude hat an den hintersinnigen Bildern, sollte direkt und ohne über Los zu ziehen ihr zweites Buch zum Thema Krankheitsbewältigung besorgen:

Meine Arschbombe in die Untiefen des Lebens: Comic-Tagebuch einer Krebserkrankung, HAWEWE-Verlag, 2018, Taschenbuch – 7. November 2018

Im Grunde ist das gezeichnete Tagebuch der Vorgänger des Ratgebers „Krebs ist, wenn man trotzdem lacht“. Im Comic-Tagebuch zeichnet sie sich die emotionalen Untiefen von der Seele. Über die Entstehung des Comics schreibt sie selbst: „Ich bin damit beschäftigt (m)eine Krebserkrankung zu bewältigen! Also habe ich beschlossen, alle, die es interessiert, an meiner Geschichte teilhaben zu lassen. Dazu nutze ich einen Comic, den ich im Krankenhaus begonnen habe und jetzt weiterführe. Gleichzeitig möchte ich anderen mit meiner Geschichte Mut machen.“ (S.13)

Es sind Berichte und Zeichnungen über den Haarverlust mit Perückenwahl, Beschreibungen des Appetitwichtels, des Energiewichtels, der Lebensgeisterskala und über viele andere Themen, die den Alltag in der körperlichen und seelischen Geisterbahn bestimmen.

Auch die Anschlussheilbehandlung, die sie im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg absolviert hat, darf nicht fehlen.  Sie skizziert die komischen Momente (versehentlich beim Frühsport für Prostata-Patienten eingeteilt) ebenso wie die tröstlichen (Händchenhalten mit Doc Hansen) und ihre Bezugsgruppe, die Ratzegirls: „Wir Ratzegirls haben immer schön zusammen gemampft und dabei geklönt. Auch sind wir das ein oder andere Mal zusammen Kuchen essen gegangen“, S.90). Im Grunde beschreibt sie das perfekte Reha-Ergebnis: Auf der Lebensgeisterskala bewegen sich die Tage zwischen 6 und 10. Dann das gute Gefühl, nach 4 Wochen mit mehr Kraft und Zuversicht in den Alltag zurückkehren zu können und auf der Nach-Hause-Fahrt ein lachendes und ein weinendes Auge zu haben, sich wehmütig von einer guten Zeit zu verabschieden und voller Freude zu den Lieben zurückzukehren.

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