Die Krebsdiagnose – ein Sturz aus der Wirklichkeit

Wir nennen uns auch Ressourcendetektive. Das sagt die Psychoonkologin Angelika von Aufseß. Sie behandelt mit ihrem Therapeutenteam Menschen, die an Krebs erkrankt sind und eine Rehabilitation machen, die sich nach der Diagnose an die Krebsbehandlung anschließt. Die Psychotherapeuten tragen dazu bei, dass sich die Betroffenen von Diagnose-Schock und Behandlung erholen und neuen Lebensmut schöpfen.

Wenn wir Therapeuten unsere Rehabilitanden zu Beginn der Reha fragen, was sie sich vom Aufenthalt im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg erhoffen und was sie im Moment am meisten brauchen, dann kommt an erster Stelle oft der Wunsch nach körperlicher Kraft und Beweglichkeit und dann - in einem Atemzug - die Formulierung: Ich möchte seelisch stabiler werden!

Dann berichten sie von ihren Ängsten, von der Erschütterung, ihrer Verunsicherung und der Verunsicherung ihrer Angehörigen, von dem Gefühl, alleine dazustehen mit dem inneren Chaos, von der Fassungslosigkeit, dass die Erkrankung bei ihnen zugeschlagen hat, von der quälenden Frage nach dem Warum, von den gut gemeinten aber meist unnützen Aufmunterungen: "Das schaffst Du", "Du bist doch eine starke Frau", "Das wird schon wieder". Sie sprechen - oft zum ersten Mal - über ihre Gefühle.

Sturz aus der Wirklichkeit

In einer Studie von der Universität Leipzig wurden 4.000 Krebspatienten im Alter zwischen 18 und 75 Jahren befragt zu den psychischen Belastungen durch eine Krebserkrankung. Eines der Ergebnisse besagte, dass 32 Prozent aller Befragten Hilfe zur seelischen Bewältigung der Erkrankung brauchten. Besonders gefährdet für seelische Komplikationen sind demnach Patientinnen mit Brustkrebs. Hier gaben 42 Prozent der Befragten an, psychologische Unterstützung zu benötigen. Am häufigsten leiden die Patientinnen dabei unter Ängsten, Panikattacken, Anpassungsstörungen (= Schwierigkeiten, sich in der neuen Lebenssituation zurecht zu finden) und depressiven Störungen.

Wie soll man sich auch zurechtfinden, wenn die Diagnose, die Behandlung und die damit verbundenen Auswirkungen das eigene Selbst so tief erschüttert haben? In der Psychoonkologie spricht man von einem "Sturz aus der Wirklichkeit". Viele Rehabilitanden berichten, dass ihnen der Boden unter den Füßen entzogen wurde, dass sie sich fühlen wie nach einem Erdbeben und dass die Angst vor einem neuen Beben immer in ihnen steckt.

Was kann eine Rehabilitation leisten, was können wir anbieten?

Wir können die Nöte nicht wegzaubern - ein zwar berechtigter, aber frommer Wunsch. Stattdessen bieten wir Rehabilitanden die Möglichkeit, über sich, über die Erfahrungen, über die eigenen Gefühle und - das hat in den Gruppen- und den Einzelgesprächen einen hohen Stellenwert - über gute Bewältigungsstrategien zu sprechen. Wir sind hier immer wieder beeindruckt von den Strategien, mit denen die Krankheit verarbeitet wird. Gerade in den Gesprächsgruppen zeigt sich, welche Ressourcen (= Kraftquellen) in den Rehabilitanden bereits vorhanden sind und wie sie aktiv genutzt werden.

Wir bezeichnen uns Therapeuten auch manchmal als "Ressourcendetektive". Immer auf der Suche nach dem, was hilft bei der Bewältigung der Erkrankung, nach Antworten auf die Frage: Was sind meine Kraftquellen und wie kann ich sie nutzen? Dabei ist die Vielfalt der Ressourcen erstaunlich: Neben den bekannten Ressourcen wie Familie, Freunde, Sport, Natur ... geht es oft auch um Veränderungen im Verhalten, z.B. sich gegenüber Anforderungen besser abgrenzen, das schwierige Wort NEIN dort zu verwenden, wo Überforderung droht, oder die Worte "ich brauche von dir ..." zu lernen. Oder es geht um das Setzen von lohnenden Zielen, die Verwirklichung von langgehegten Träumen, um bewusste Selbstfürsorge ...Im Austausch darüber wird klar, dass die Frage nach dem Warum viel unwichtiger ist als die Frage: "Was mache ich jetzt aus der Situation?"

Selbsthilfegruppen, psychoonkologische Beratung

Für manche Rehabilitanden sind die Gespräche mit anderen Betroffenen, z.B. in der Gesprächsgruppe oder zwischen den Anwendungen oder im Einzelgespräch mit den Psychologen, eine erste Annäherung an die seelische Bewältigung der Erkrankung. Ein Anfang! Häufig empfehlen wir eine Fortsetzung nach der Reha. Zum Beispiel die nächstgelegene Krebsberatungsstelle, wo psychoonkologische Beratung angeboten wird. Oder Selbsthilfegruppen. In einzelnen Fällen auch eine ambulante Psychotherapie.

Zum Schluss ein Satz, der diese innere Haltung der Ressourcenorientierung und der aktiven seelischen Bewältigung der Erkrankung treffend zusammenfasst. Er ist von dem schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson aus dem 19. Jahrhundert: "Im Leben geht es nicht darum, gute Karten zu haben, sondern auch mit einem schlechten Blatt gut zu spielen."

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