Ehepaar Schmidtke macht eine Reha nach dem Ratzeburger Modell

Viele können sich nicht so recht vorstellen, wie pflegende Angehörige eine Rehabilitation absolvieren können, wenn sie ihre von Demenz betroffenen Partner oder Familienmitglieder mitbringen. Wie soll das funktionieren? Wie wird es dabei meinem demenzkranken Familienmitglied gehen?

Frau Schmidtke versorgt schon lange ihren von Demenz betroffenen Ehemann zu Hause und braucht dringend eine Rehabilitation. Sie absolviert ihre Reha in der Rehabilitationsklinik für pflegende Angehörige. 

Die Klinik ist eine Fachabteilung des AMEOS Reha Klinikums Ratzeburg. Behandelt werden hier pflegende Angehörige. 85 Prozent der Rehabilitanden, die aus ganz Deutschland kommen, bringen ihren an Demenz erkrankten Partner oder Verwandten zur Rehabilitation einfach mit. 2015 wurde das AMEOS Alzheimer Therapiezentrum auf 30 Betten erweitert und zusätzlich ein spezieller Angehörigenbereich für demenzbetroffene Begleitpersonen (26 Betten) auf zwei Etagen geschaffen, um sie optimal und so unterhaltsam wie in einer Tagespflege betreuen und versorgen zu können.

Frau Schmidtke bringt ihren Ehemann mit zur Reha

Sie ist 72 Jahre alt und reist mit ihrem demenzkranken Ehemann aus Düsseldorf an. Sie berichtet, dass sie früher nie psychische Probleme gehabt hat, jetzt aber traurig, müde und angespannt ist. Wenn ihr Mann zig-mal nach den gleichen Dingen fragt, dann beschimpft sie ihn. Sie fühlt sich ausgelaugt und findet kaum Schlaf, weil Herr Schmidtke ständig nachts unterwegs ist.

Herr Schmidtke weist Pflegegrad 3 auf. Ab Pflegegrad 2 werden die von Demenz Betroffenen im Angehörigenbegleitbereich aufgenommen. Als Frau Schmidtke ihren Mann dorthin bringt, werden beide vom Pflegeteam empfangen. Herr Schmidtke bekommt ein Einzelzimmer und wird ab jetzt weitgehend von morgens bis abends im tagepflegeähnlichen Setting betreut: Das Betreuungs- und Aktivierungsprogramm MAKS besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Elementen. In Gruppen werden die Begleitpersonen in ihren motorischen, alltagspraktischen und kognitiven Fähigkeiten gezielt gefördert. Das Erlebnis innerhalb der Gruppe spielt dabei als soziale Komponente eine wichtige Rolle. Nach einem abgestimmten Wochenplan begegnen unseren Gästen im Rahmen von MAKS täglich angemessene Herausforderungen mit hohem Unterhaltungswert.

Frau Schmidtkes Zimmer liegt ca. 2 Minuten entfernt vom Angehörigenbeleitbereich, und sie kann ihren Mann jederzeit in ihrer therapiefreien Zeit besuchen. Dafür erhält sie einen Extra-Schlüssel für diesen Bereich. 

Im therapeutischen Gespräch hat Frau Schmidtke nun viel Zeit über sich zu berichten. Ersichtlich wird, dass die Pflege ihres Mannes sie überfordert, auch weil er von morgens bis abends an ihr klammert, entsprechend gereizt reagiert sie dann oft. Ambulante Pflege oder Tagespflege lehnt ihr Mann mit „Ich bin doch lieber bei dir“ einfach ab. Deshalb, sagt sie, hätte sie ein schlechtes Gewissen, ihn in eine Tagespflege zu bringen.

In der Rehabilitation kann sich die Patientin endlich ausschlafen, weil sie zur Ruhe kommt. Sie nimmt interessiert an der Musik- und der Kunsttherapie teil, auch wenn sie das Singen mit anderen Menschen nicht gewohnt ist. In der Ergotherapie gestaltet sie gerade einen Seidenschal als Geschenk für die Tochter. Sie erzählt, wie sehr sie die Massagen und Wärmeanwendungen genießt.

Doppelnutzen: Herr Schmidtke profitiert von der Reha seiner Ehefrau

Vom nächtlichen Wandern des Ehemannes berichtet auch das Pflegeteam im Angehörigenbegleitbereich. Nach der Medikationsumstellung durch den Arzt kann er jetzt durchschlafen. Zwar ist es Frau Schmidtke anfangs schwergefallen, getrennt vom ihrem Mann zu sein, jetzt, wo sie ihn aber täglich mehrmals besucht, bemerkt sie, dass er mit der Betreuung gut zurechtkommt. Manchmal mag er nicht mit anderen Betreuten zusammensitzen und zieht sich Bilderbuchblätternd in sein Zimmer zurück, wirkt dabei aber zufrieden.

Im Rahmen des Therapieverlaufs folgt Frau Schmidtke den Vorschlägen des Therapeutenteams:

  • Sie wird einen ambulanten Pflegedienst engagieren, der ihren Mann duscht.
  • Sie möchte ihn mindestens drei Mal die Woche in eine Tagespflege geben, um wieder Zeit für Tochter und Freundinnen zu haben.
  • Sie will einen Yogakurs belegen.

Unsere Sozialarbeiterin ermittelt eine Tagespflege und Frau Schmidtke vereinbart noch in der Klinik einen Vorstellungstermin. Nach einer Behandlungsdauer von 3 Wochen kehrt das Ehepaar nach Düsseldorf zurück. Einige Wochen später meldet sich unsere Sozialarbeiterin noch einmal bei Frau Schmidtke.

Dabei stellt sich heraus, dass Herr Schmidtke tatsächlich drei Mal die Woche die Tagespflege besucht und sich dort wohlfühlt. Frau Schmidtke findet, dass ihr der Abstand gut tut und sie viel gelassener mit ihrem Mann umgehen kann. Viel öfter würden sie jetzt auch mal zusammen lachen.

Der Name des Ehepaars wurde geändert.

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