Ich finde keine Ruhe mehr: Wenn pflegende Angehörige zu Verfolgten werden

Foto: Folker Timmermann/pixelio.de

„Mein Mann läuft mir den ganzen Tag hinterher. Ich kann nicht einmal alleine zur Toilette gehen ohne dass er an die Tür klopft und mich ruft.“ Weil Angehörige von Menschen mit Demenz damit oft an ihre Grenzen kommen, erklärt Barbara Hergert die Gründe für das typische „Klammern“ und hat wichtige Tipps für den Alltag parat. Die Demenzberaterin arbeitet in der Rehabilitationsklinik für pflegende Angehörige im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg.

„Mein Mann läuft mir den ganzen Tag hinterher. Ich kann nicht einmal alleine zur Toilette gehen ohne dass er an die Tür klopft und mich ruft.“ Weil Angehörige von Menschen mit Demenz oft ihre Grenzen kommen, erklärt Barbara Hergert, Demenzberaterin im AMEOS Alzheimer Therapiezentrum Ratzeburg, die Gründe für das typische „Klammern“ und hat wichtige Tipps für den Alltag parat.

Frau B. wirkt erschöpft und verzweifelt. Seit ein paar Tagen erhält sie im AMEOS Alzheimer Therapiezentrum Ratzeburg eine spezielle psychosomatische Rehabilitation für pflegende Angehörige und wird dabei von ihrem demenzkranken Mann begleitet, der im angrenzenden Angehörigenbereich rund um die Uhr versorgt und betreut wird. Sie seufzt: „Manchmal reißt mir der Geduldsfaden und ich schreie ihn an. Ich möchte doch nur mal 10 Minuten Ruhe haben!“

Frau B. schildert ein Problem, das den meisten pflegenden Angehörigen demenzkranker Menschen bekannt ist. Weil der Kranke ununterbrochen um sie herum ist, sie auf Schritt und Tritt verfolgt, ständig etwas fragt oder sich sogar anklammert, kommt der Pflegende oft an seine Grenzen. Er hat keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen oder gar zu entspannen. Der demenzkranke Mensch fordert seine ganze Aufmerksamkeit, seine Zeit und seine Zuwendung.

Typische Arten von Unruhe bei demenzkranken Menschen

  • Nächtliche Unruhe
  • Hinterherlaufen
  • Zielloses Umherwandern
  • Ununterbrochen die gleichen Fragen stellen
  • Ständig spazieren gehen wollen
  • Weglaufen

Wodurch entsteht die Ruhelosigkeit bei demenzkranken Menschen?

  • Verunsicherung: Demenzkranke Menschen verlieren in der Regel das Kurzzeitgedächtnis, die Welt um sie herum ist ständig neu und fremd. Das verunsichert sie sehr und löst Unruhe in ihnen aus.
  • Verwirrung und Orientierungslosigkeit: Die Betroffenen finden sich oft in ihrer Umgebung nicht mehr zurecht, haben das Gefühl, am falschen Ort zu sein und wissen nicht, welche Tages- oder Jahreszeit gerade ist oder was als nächstes passiert.
  • Angst: Menschen mit Demenz haben häufig große Angst davor, verlassen zu werden und allein zu sein. Für sie ist eine Person, die den Raum verlässt, für immer verschwunden. Innere Unruhe und Anspannung: Krankheitsbedingte Unruhezustände und ständige Fremdheit erzeugen Anspannung, welche die Kranken durch Umherwandern und Nachlaufen ausdrücken, wodurch sie aber auch Entlastung finden.
  • Suche nach Nähe und Vertrautheit: Die zunehmende Fremdheit in ihrer Umgebung und der Verlust des Bezuges zu sich selbst treibt Menschen mit Demenz dazu, sich einen festen Bezugspunkt zu suchen: Jemanden oder Etwas, das ihnen Sicherheit und Halt gibt. In der Regel ist das der Partner, das Kind oder ein anderes nahestehendes Familienmitglied. Aber auch in einem Haustier kann der demenzkranke Mensch diesen Bezugspunkt finden.

Weitere mögliche Ursachen können sein:

  • Schmerzen aufgrund anderer Erkrankungen
  • Überforderung, z.B. durch ein laufendes Fernsehgerät
  • Unterforderung, dadurch Langeweile
  • Veränderungen in dem gewohnten Zuhause, z.B. neue Möbel
  • Veränderungen in gewohnten Abläufen
  • Tag/Nacht-Umkehr

Bewegung ist aber auch ein menschliches Grundbedürfnis. Der Mensch – ob krank oder gesund – spürt sich in der Bewegung selbst, was besonders für demenzkranke Menschen ein Stück Unabhängigkeit bedeutet. Manche Menschen mit Demenz wollen sich vielleicht auch „einfach nur so“ bewegen, weil sie das auch früher gern getan haben.

Was kann man selbst tun?

Als pflegender Angehöriger kann man die Unruhe und das ständige Hinterherlaufen des demenzkranken Familienmitgliedes positiv beeinflussen, um für sich und den Kranken einen entspannteren Alltag zu schaffen.

  • Verständnis für die Situation und die damit verbundenen Gefühle des Kranken ihm gegenüber äußern
  • Ablenkung durch eine dem Kranken gemäße Betätigung, z.B. Papiere sortieren, Kartoffeln schälen etc.
  • Nähe und Berührung schenken, kurz und intensiv, immer mal wieder zwischendurch Umgebungsreize reduzieren
  • klären, ob der Kranke unter Schmerzen leidet oder zur Toilette muss, ggfs. Abhilfe schaffen
  • Haustürschlösser sichern, Haustür „tarnen“ (etwa mit einem Vorhang)
  • Nachbarn über die „Wanderneigung“ informieren
  • gemeinsame Spaziergänge unternehmen
  • den Schlaf am Tag reduzieren, indem man den Betroffenen tagsüber behutsam körperlich und geistig aktivieren.
  • Einen Neurologen sollte man aufsuchen, wenn extreme Angstzustände auftreten. Sie können mit unbearbeiteten und lange zurückliegenden Erlebnissen des Kranken zu tun haben und müssen gegebenenfalls medikamentös behandelt werden.

Was kann man mit fremder Hilfe tun?

  • Pflegende Angehörige besonders unruhiger demenzkranker Menschen sollten gezielt nach Entlastungsmöglichkeiten suchen.
  • Betreuungskräfte von Pflegediensten, ehrenamtliche Betreuungskräfte, Nachbarn, Verwandte können stundenweise die Betreuung des demenzkranken Menschen zu Hause übernehmen
  • Mehrmals pro Woche die Betreuung in einer Tagespflegeeinrichtung oder einer Demenzgruppe in Anspruch nehmen.
  • In der gewonnenen Zeit nicht nur den Haushalt „schmeißen“, sondern auch ganz bewusst etwas für sich selbst tun!
  • Eine der zahlreichen Entspannungstechniken erlernen, die man regelmäßig gut in den Alltag „einbauen“ kann.

Die Kranken- und Pflegekassen, Pflegedienste und Pflegeberatungsstellen bieten Informationen zu diesen Angeboten und den entsprechenden Finanzierungsmöglichkeiten.

Was soll man nicht tun?

Durch das Vermeiden bestimmter Verhaltensweisen lassen sich angespannte und kritische Situationen meistens entschärfen:

  • Nicht mit dem Kranken schimpfen, sich aufregen.
  • Keinen körperlichen Zwang ausüben.
  • Fragen nicht ignorieren – das ist für den Kranken quälend, unbefriedigend und verstärkt das Fragen umso mehr.
  • Nicht allein lassen, das zieht meistens vermehrtes Hinterherlaufen nach sich.
  • Ärztlich verordnete Beruhigungsmittel nicht höher dosieren – Sturzgefahr!

Der Unruhe eines demenzkranken Menschen kann man sowohl durch Verständnis für seine Situation und die entsprechende eigene Verhaltensänderung als auch durch die Inanspruchnahme von externen Entlastungsmöglichkeiten erfolgreich und für alle Seiten zufriedenstellend begegnen.

Frau B. zum Beispiel hat inzwischen Einiges geändert. „Anfangs ist es mir sehr schwer gefallen, meinen Mann bei der Tagespflege abzugeben“, sagt sie einige Wochen nach dem Rehabilitationsaufenthalt am Telefon. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen und wusste gar nichts mit meiner Zeit anzufangen.“ Sie lacht. „Aber im AMEOS Alzheimer Therapiezentrum Ratzeburg habe ich gelernt, dass mein Mann auch mit fremden Leuten zurechtkommen kann. Inzwischen geht er dreimal die Woche hin und ist viel ruhiger geworden, auch an den anderen Tagen. Zwar kann er nicht groß was erzählen, aber er wirkt zufrieden und auch ein bisschen geschafft“. Stolz fügt sie hinzu: „Und ich gehe jetzt dienstags zur Wassergymnastik und anschließend mit meinen Freundinnen ins Café.“

Weitere Informationen

Die Rehabilitationsklinik für pflegende Angehörige im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg gibt Auskunft über ihre Rehaleistungen und die Mitnahme des Demenzbetroffenen. Telefonische Beratung:  04541 13 38 00.

 

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