Nach der Krebsbehandlung: Wer bin ich eigentlich noch?

Foto: Gerhard Zerbes

Das Selbstwertgefühl von Frauen hängt oft gefährlich dicht an der Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Wie nimmt frau sich selbst wahr, wenn der Krebs und seine Behandlungsfolgen ihren Körper verändert, ja oft „verstümmelt“ haben. Was die Fotoausstellung „Veränderungen“ für Rehabilitandinnen im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg bedeutet hat und bis heute bewirkt, beschreibt Diplompsychologin Angelika von Aufseß.

Schon immer sind Frauen gut darin, ihren Wert mit ihrem Aussehen zu verknüpfen und sich bei vorgeblichen Schönheitsfehlern abzuwerten: Der Hintern ist zu dick, der Busen zu klein, die Nase zu lang, das Haar zu dünn, die Beine sind zu kurz.

Der eigene Selbstwert hängt gefährlich dicht an der Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Ein bad hair day verhagelt die Laune, die Speckrolle kratzt am Selbstbewusstsein. Das innere Bild von Weiblichkeit und Schönheit ist selten ein stabiles Bild. Es hängt schief, verschwimmt oder bekommt Risse. Was aber passiert, wenn nicht nur die überflüssigen Pfunde, die Alterung oder individuelle Schönheitsfehler den Selbstwert bedrohen? Was passiert, wenn auf einmal ein Tumor und die Folgen seiner Behandlung die eigene Körperwahrnehmung zutiefst erschüttern?

Krebs verändert das Selbstbild

In der Arbeit mit Patientinnen, die im Anschluss an die Krebsbehandlung zu uns in die Rehabilitation kommen, begegnen wir ihren leidvollen Erfahrungen. Zwar geht es zunächst um Themen wie den Schock der Diagnose, um die Angst vor einem Rezidiv, um Schwäche, Schmerzen, um die Veränderungen in den Beziehungen oder im Job. Im Lauf des Aufenthaltes tauchen zunehmend Fragen auf, die sich um das veränderte Selbstbild ranken. Die Frage nach der eigenen Identität stellt sich neu: „Wer bin ich eigentlich noch? Fühle ich mich überhaupt noch weiblich?“ Rehabilitandinnen berichten von dem Moment, als ihnen das Haar abrasiert wurde, als sie nach der OP die Lücke fühlten, wo vor der OP ihre Brust saß, sie berichten von den Narben, von hormonbedingter Gewichtszunahme oder chemotherapeutisch bedingter Abnahme, von Schwellungen, Rötungen, vom missglückten Aufbau der Brust, von dem Gefühl, sich im eigenen Körper wie eine Fremde zu fühlen. Die von ihnen so erlebte „Verstümmelung“ ist ein Frontalangriff auf den Selbstwert als Frau. Was bin ich wert ohne Haare? Was bin ich wert mit der hässlichen Narbe? Was bin ich wert mit einem deformierten Busen? Sie mögen sich nicht im Spiegel ansehen oder sich ihrem Partner zeigen, geschweige denn sich in der Sauna oder am Strand den Blicken Fremder aussetzen. Während der Rehabilitation spricht manche Frau zum ersten Mal seit der Behandlung über ihre Gefühle und über ihr Selbstwertgefühl als Frau.

Eine Fotoausstellung verändert die Wahrnehmung

Im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg hatten wir im Jahr 2016 das Glück, die Fotoausstellung „Veränderung. Verletzte Weiblichkeit im Wandel“ über mehrere Wochen zeigen zu können und darüber mit den Patientinnen (ganz selten auch mit männlichen Patienten) ins Gespräch zu kommen. Seitdem haben wir das Glück, einige der Fotos als Leihgabe in den Fluren präsentieren und mit den Katalogen auch in den Frauengruppen oder im Einzelgespräch arbeiten zu können.

Was lösen diese Fotos und Geschichten bei den Patientinnen aus? Frau A. nimmt sich den Katalog mit aufs Zimmer und berichtet: „Ich habe mir nur wenige Fotos und Geschichten ansehen können. Immer wieder habe ich das Buch weggelegt.“ Sie hat die Konfrontation gewagt und stellte dann erleichtert fest: „Jetzt bin ich aber froh, dass ich nicht gekniffen habe. Mich haben die Fotos und Berichte der Frauen im Katalog sehr berührt.“

Die Fotos bewirken Hinsehen statt Wegsehen, Hinspüren statt Verdrängen. Gefühle von Verlust, Scham, Traurigkeit wagen sich ans Licht. Aushalten, Zulassen, Akzeptieren von Veränderung. Heilsames Erschrecken. Hier vollzieht sich ein Prozess der Krankheitsbewältigung, ohne den psychische Stabilisierung nicht zu haben ist.

Mehr Informationen

 

Das könnte Sie auch interessieren

Rehabilitation
16.07.2019
Pflegende Angehörige: Zugang zu Reha erleichtert

Eine kleine Ergänzung in § 40 des fünften Sozialgesetzbuchs hat große Auswirkungen für pflegende Angehörige. Denn sie werden darin bestärkt, eine stationäre Rehabilitation zu beantragen, wenn sie durch Pflege eines Familienmitgliedes an ihre Grenzen kommen. Diplom-Sozialarbeiterin Susanne Lessing erklärt, warum noch immer so wenige davon wissen und wie man eine Reha beantragt.

Artikel lesen
Rehabilitation
05.02.2019
Die Krebsdiagnose – ein Sturz aus der Wirklichkeit

Wir nennen uns auch Ressourcendetektive. Das sagt die Psychoonkologin Angelika von Aufseß. Sie behandelt mit ihrem Therapeutenteam Menschen, die an Krebs erkrankt sind und eine Rehabilitation machen, die sich nach der Diagnose an die Krebsbehandlung anschließt. Die Psychotherapeuten tragen dazu bei, dass sich die Betroffenen von Diagnose-Schock und Behandlung erholen und neuen Lebensmut schöpfen.

Artikel lesen
Rehabilitation
27.11.2018
Brustkrebs: Rehabilitation unterstützt den Neuanfang

Brustkrebs (Mammakarzinom) ist zwar die häufigste Krebserkrankung bei Frauen, aber in den letzten Jahren haben verbesserte Früherkennung und Behandlungsmethoden die Heilungschancen erhöht. Wie Rehabilitation nach Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie, Antikörper- und Antihormontherapie betroffenen Frauen helfen kann, erklärt die Fachärztin für Gynäkologie, Dr. Kerstin Knauth im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg.

Artikel lesen
Rehabilitation
07.11.2018
Wie es weitergeht nach einer Prostatabehandlung

Die meisten Männer unterschätzen die Auswirkungen von Bestrahlung, Operation oder Chemotherapie. Dabei können körperliche und psychische Folgen einer Prostatakrebs-Behandlung erheblich die Lebensqualität mindern. Die Anschlussheilbehandlung (AHB) oder eine Rehabilitation zu nutzen, um wieder auf die Beine zu kommen, ist deshalb sinnvoll und keineswegs ein Zeichen von Schwäche, weiß der Facharzt für Urologie und Allgemeinchirurgie Dr. med. Christian Tiemer.

Artikel lesen
Rehabilitation
07.11.2018
Segel setzen für neue Perspektiven

Wie Krebspatienten die Folgen ihrer Erkrankung und der Therapie überwinden, das hängt von vielen, ganz individuellen Faktoren ab. Dabei wird die Bedeutung von körperlicher Aktivität auch durch wissenschaftliche Studien inzwischen klar belegt. Ziemlich einzigartig ist das Segeln als Bewegungsangebot im AMEOS Reha Klinikum Ratzburg. Chefarzt Dr. Jan Schmielau ist leidenschaftlicher Segler und will erreichen, dass auch Rehabilitanden den Mut fassen, eine neue Sportart zu entdecken.

Artikel lesen
Rehabilitation
07.11.2018
An die Arbeit - zurück in den Beruf nach einer Krebsbehandlung

Wieder ein normales Leben führen – das ist oft der größte Wunsch, wenn man nach der Diagnose Krebs alle Behandlungen überstanden hat. Eine medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) unterstützt die Betroffenen bei der Rückkehr in die Berufstätigkeit. Diplompsychologin Angelika von Aufseß beschreibt, wie das spezielle Training funktioniert.

Artikel lesen
Rehabilitation
07.11.2018
Krebs kann sprachlos machen

Warum sind Betroffene und ihre Partner, Familien und Freunde nach der Diagnose Krebs kaum in der Lage, über den Krebs und ihre Gefühle zu sprechen? Wie findet man gemeinsam einen Weg aus der Sprachlosigkeit? Darüber unterhalten sich Oberarzt Eike Hansen (Internist) und Diplompsychologin Angelika von Aufseß. Beide arbeiten täglich mit onkologischen Patienten, die eine Reha absolvieren im AMEOS Reha Klinikum Ratzeburg.

Artikel lesen
Rehabilitation
06.11.2018
Therapeutisches Schreiben – Nelli F. und zehn Sachen, die gut tun

Nelli F. hat viel durchgemacht in ihrem Leben. Geschenkt wurde der Endfünfzigerin nichts. Jetzt hat sie Krebs. Und sie lernt, wie man einen Weg aus dem Dunklen findet. Ihre Geschichte erzählt die Diplompsychologin Angelika von Aufseß.

Artikel lesen
Rehabilitation
14.09.2018
Resilienz – welche Rolle spielt psychische Widerstandskraft bei einer Tumorerkrankung?

Mit den psychischen Auswirkungen einer Tumorerkrankung und ihrer Behandlung geht jeder Betroffene anders um, weil die Fähigkeit, schwere Schicksalsschläge und ihren Folgen zu verkraften, unterschiedlich ausgeprägt ist. Man nennt sie auch Resilienz. Diesen wichtigen Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe in der Psychoonkologie erklärt Diplompsychologin Angelika von Aufseß.

Artikel lesen