Kindheit im Lockdown

Frau Franck, Sie arbeiten schon seit vielen Jahren mit Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen. Eine Pandemie mit all ihren Nebeneffekten, Eindämmungs-Massnahmen und Unsicherheiten: das stellt für alle eine besondere, eine ganz neue Situation dar. Wie ist das, reagieren Kinder und Jugendliche flexibler auf solch weitreichende Veränderungen der Lebensumstände als Erwachsene?

Kinder und Jugendlichen haben die grossartige Fähigkeit, sich an die veränderten Umstände anzupassen. Interessanterweise auch dann, wenn die Erwachsenen Schwierigkeiten bekommen. Am wenigsten Probleme haben Kinder, wenn die Erwachsenen plausibel und souverän bleiben. Ich habe viele Jugendliche erlebt, die mit einer sehr klaren Rationalität an die veränderten Rahmenbedingungen in dieser Pandemiezeit herangetreten sind. Und ich bin überrascht über die Kreativität, die Kinder und Jugendliche entwickeln. Das hätte ich vielen nicht zugetraut.

Grundsätzlich sind wir Menschen unterschiedlich. Die einen gewöhnen sich schnell an Veränderungen, andere reagieren erstmal vorsichtig, vielleicht sogar ängstlich. Wer sozial unsicher ist, wird eher entlastet sein, weil er durch Corona Abstand bekommt und weniger sozialen Anforderungen ausgesetzt ist. Jemand, der insgesamt sehr zukunftspessimistisch und ängstlich ist, der wird Corona als Thema aufnehmen, das ihn zusätzlich belastet oder seine zukunftspessimistische Haltung bestätigt.

Plausibel und souverän bleiben – wie schafft man das?

Aus meiner persönlichen Sicht muss man aktiv bleiben. Man muss sich für die Situation mit allen Facetten entscheiden und anerkennen: „Das ist so. Ich kann es nicht ändern“. Viele Gewohnheiten sind nicht mehr so möglich, wie wir sie kennen. Sie sind es aber vielleicht in veränderter Form. Wir dürfen also kreativ werden! Können hinausgehen und vielleicht Sterne anschauen, im Wald spazieren oder gemeinsam Spiele spielen. Fahrradfahren, Laufen, Picknick mit Tee und jetzt mit Skiunterwäsche ausgestattet, Vorlesen, selber lesen etc., Vieles ist möglich. Man kann nicht mehr in Restaurants und ins Kino gehen, aber man kann Alternativen entwickeln. Und darum geht es: Möglichkeiten finden und Freude am gemeinsamen Tun entwickeln. Und es gilt auch zu lernen, sich von den vielen Dingen, die die moderne (Kommunikations-)Welt bietet, nicht so einspannen und abhängig machen zu lassen. Auf diese Fähigkeiten kommt es an. Viele Kinder und Jugendliche bringen eine tolle Einstellung zu der Sache mit: „Wir lassen uns von Covid-19 nicht den Spass verderben und finden alternative Formen, soziale Gemeinschaft zu erleben.“

Alternativen finden – das bleibt die Aufgabe. Wie bisher geht es nicht. Die Herausforderungen werden zunehmen und es wird weiterhin Veränderungen geben. Durchaus auch bei der Einschätzung von Situationen. Ganz konkret habe ich erlebt, dass eine Mutter, die Elternsprecherin war, sagte: „Ich finde eine Maskenpflicht in der Schule unsinnig.“ Und dann hat ihr jugendlicher Sohn geantwortet: „Sag mal, Mama, spinnst du? Das ist doch wohl das kleinere Übel, eine Maske aufzusetzen.“ Ich würde ganz streng davor warnen, dass man sagt, dass es eine Jugend ohne Zukunft ist. Das ist eine Jugend mit Zukunft, aber mit einer anderen, als wir sie uns gedacht haben.

Gibt es auch Kinder und Jugendliche, die sich da schwerer tun?

Es ist abhängig von den strukturellen Voraussetzungen und der persönlichen Lebenssituation. Diese ist mitunter besorgniserregend: Es gibt Kinder und Jugendliche, die wirklich davon bedroht sind, abgehängt zu werden, beispielsweise weil sie nicht über eine bestimmte materielle Ausstattung (beispielsweise Computer für die Schule) verfügen oder unsichere oder wenig fürsorgliche Sorgeberechtigte haben. Eine bestimmte materielle Ausstattung ist nötig, um an einzelnen Geschehnissen und Erlebnissen teilzuhaben. Und eine fürsorgliche Person, die sich um einen kümmert braucht man einfach, um leichter zurechtzukommen. Insbesondere in dieser besonderen Zeit. Insgesamt bin ich aber beeindruckt von den grossen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen, sich mit den aktuellen Rahmenbedingungen bestmöglich zu arrangieren.

Wie gehen die Kinder und Jugendlichen mit den Hygienemassnahmen um? Müssen Sie mit ihren Patient*innen viel darüber diskutieren?

Das muss differenziert betrachtet werden, je nach Alter. Im Allgemeinen machen sie aber gut mit. Kleinere Kinder, wie auch an Grundschulen müssen keine Masken tragen. Ab dem zehnten Lebensjahr behalten die Kinder die Masken eigentlich auf – manchmal muss man sie ansprechen, aber grundsätzlich klappt das gut.

Es gibt welche, die ziehen die Maske runter und halten sich nicht an das, was man vorgibt. Da ist die Maske dann nur eine Schablone, an der sich das rebellische Verhalten oder das Problem abbildet. Die meisten Jugendlichen, die ich kenne, tragen problemlos ihre Maske. Zudem machen sich viele Gedanken, wie wir alle mit der Situation optimal umgehen können. Beispielsweise haben mir jugendliche Patient*innen in einem beeindruckenden Brief dargelegt, warum in manchen Situationen die Maske nicht erforderlich ist. Wir haben uns dann zusammengesetzt, diskutiert, Pro und Contra abgewogen und für die Situation angepasste Regeln entwickelt, die von allen eingehalten werden. Das hat mich sehr bewegt und beruhigt. Es zeigt, wie sehr sie selbst versuchen sich zu disziplinieren, gleichzeitig aber im Austausch mit anderen versuchen ihr Verhalten zu optimieren.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat die „Ein-Kind-Regel“ zur Corona-Eindämmung kritisiert. Was denken Sie über die Kontaktbeschränkungen?

Ich finde sie vertretbar. Infektionen werden über Kontakte übertragen, also ist die Kontaktreduktion erstmal ein logischer Schritt. Manche Menschen verkraften das besser als andere. Kinder und Jugendliche brauchen Bildung. Sie sind meist symptomlose Überträger. Also ist es erstmal wichtig, dass sie sich nicht infizieren, damit sie den Rest der Familie nicht infizieren.

Die Jugendlichen sind ja meistens technikaffin. Die treffen sich in Onlinechats über Zoom oder  online in Lerngruppen. Sie machen ihre Treffen eben anders. Vielleicht ist es für sie noch doof, dass Sport und Reisen nicht möglich sind. Mein Eindruck ist aber, dass sie das zur Kenntnis nehmen und ihre Gewohnheiten auf die neue Situation anpassen.

Und Kinder können auch immer noch raus gehen, allerdings mit mehr Abstand. In der Klinik haben wir die Gewissheit, dass alle Patient*innen getestet sind. Wir haben ein klares Hygienekonzept, so dass es in definierten sozialen Situationen möglich ist, so zu spielen, wie man immer spielt. Grundsätzlich können sich Kinder und Jugendliche natürlich nicht mehr so offen treffen. Sie können nicht mehr in der Gruppe gemeinsam „abhängen“, wie das vielleicht vor der Pandemie war. Aber ich stelle fest, wenn man den Kindern sagt: „Es geht nur zu zweit“, dann machen sie mit, solange die Erwachsenen das deutlich klarmachen und sich auch an diese Spielregeln halten.

Wie erklärt man Kindern eine Pandemie?

Wir haben Vergleiche zur Grippe gezogen und Symptome und Übertragungswege erklärt, und auch, dass die Covid-19 Infektion insbesondere für ältere Personen sehr gefährlich werden kann. Alles natürlich altersgerecht. Das haben sie schnell abgehakt und hingenommen. Manche hatten und haben Angst, besonders wenn sie merken, dass auch die Eltern in die Risikogruppe fallen oder ihrerseits sehr ängstlich werden. Dann werden das die Kinder auch. Wenn aber eine Rationalität und Alltagstauglichkeit in Bezug auf Covid-19 entwickelt wird, dann haben die Kinder damit auch kein Problem. Die Erwachsenen als Vorbilder müssen den Kindern ein stückweit zeigen, wie man mit der aktuellen Situation gut umgeht. Wenn die Erwachsenen das souverän machen, dann können die Kinder das auch – meistens jedenfalls.

Welche Herausforderungen haben Familien in Zeiten von Corona häufig zu meistern?

Reale und soziale Belastungen wie Kurzarbeit, weniger Einkommen, Arbeitsplatzverlust werden zum Thema. Das kann zur Zerreissprobe in den Familien werden. In dem Zusammenhang erlebe ich auch Kinder, die sehr belastet sind. Aber mein Blick ist beschränkt auf die Klinik. Wenn ich im privaten Feld schaue, erlebe ich verschiedenes. Es gibt unkritische und sorglose Familien, die so tun, als sei alles wie immer. Es gibt aber auch viele Familien, die sagen sich: „Wir lassen uns die Freude trotz der neuen Regeln insgesamt nicht nehmen.“ Die probieren andere Formen des Zusammenseins, entdecken Neues und erleben, dass gemeinsame Wanderungen auch Spass machen können.

Es gibt Kinder, die als Folge elterlicher Veränderungen Existenzängste bekommen haben. Nicht wenige Eltern haben mehr Konflikte oder trennen sich in der aktuellen Situation: Man ist räumlich näher und häufiger zusammen und dann kommen die Dinge, die sonst vermieden werden können auf den Tisch, ohne das die Konfliktbewältigungsstrategien verbessert worden sind. Dann kommt es zu Krisen, von denen Kinder und Jugendliche natürlich betroffen sind. Das kann dann zu schlimmen Situationen führen.

Glauben Sie diese besondere Zeit beeinflusst die Entwicklung der Kinder nachhaltig?

Mit Sicherheit. Die Frage ist, ob diese Spätfolgen etwas schlimmes sein müssen. Vielleicht ist es einfach so, dass es jetzt offensichtlich wird, dass diese Welt eine begrenzte ist. Dass die ökologischen Ressourcen begrenzt sind und auch die finanziellen. Und, dass wir uns in einer Gemeinschaft immer an Regeln und Grenzen halten müssen. Ich denke, dass es da ein gewisses klareres Realitätsbewusstsein gibt. Es hat sich in den letzten Jahren eine Dynamik entwickelt, dass plötzlich jeder überall auf der Welt unterwegs sein konnte. Das ist eher ungewöhnlich, vor allem wenn man die historische Situation betrachtet.

Real können Schüleraustausche, Praktika und vieles andere aktuell nicht mehr stattfinden. Wir werden andere Formen dafür finden müssen. Vielleicht besinnen wir uns auf andere brachliegende Fähigkeiten und Talente. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig. Das hat auch die Vergangenheit gezeigt. Sozialisation und deren Rahmenbedingungen bedingen das Bewusstsein, auch das Selbst- und Ich-Bewusstsein der Menschen. Insofern müssen wir schauen, wie wir konstruktiv und flexibel im Hinblick auf andere und uns selbst mit dieser Situation umgehen.

Die Situation könnte sich in dieser Hinsicht also positiv auswirken?

Ja, denn wir bemerken viel deutlicher als vorher, wie wir miteinander umgehen. Und das können wir verändern. Ich würde die aktuelle Situation zumindest nicht nur als Nachteil betrachten. Wir haben uns in der Klinik sehr bewusst für eine Extraportion Freundlichkeit und Humor im Miteinander entschieden, was sich im Alltag sehr positiv bemerkbar macht.

Natürlich wird vieles in Zukunft anders sein. Das Thema um das es geht ist gesellschaftliche Veränderung. Man muss schauen, was passiert da? Und ich sehe das eher optimistisch. Es hat sich was verändert in unserem gemeinschaftlichen Umgang. Aktuell darf man nicht mehr überall Zusammensein und ist mehr zuhause. Da besinnt man sich vielleicht auf andere Fähigkeiten und probiert was Neues aus. Deutlich wird auch, das sich infolge der Veränderungen der Hintergrund vor dem sich psychische Probleme zeigen, ebenfalls verändert hat und folglich Probleme in einer anderen Form oder auch nicht mehr erscheinen. Beispielsweise haben Menschen mit sozialen Ängsten aktuell nicht mehr so grosse Probleme.

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Text: Dagmar Wawrzyczek

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Zur Person: Dr. Eva-Maria Franck ist Chefärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im AMEOS Klinikum Hildesheim. Die Kinder und Jugendlichen, die dort behandelt werden, sind in der Regel zwischen sechs und 18 Jahren alt. Für die Ambulanz gibt es auch Anfragen für jüngere Kinder. Neben akuten Fällen wie Suizidalität, werden auch Patient*innen mit psychotischen Störungen, sozialen Phobien, Zwangsstörungen, Depressionen, hyperkinetischen und emotionalen Bindungsstörungen sowie Traumafolgestörungen behandelt.

Das AMEOS Klinikum Hildesheim steht allen psychisch erkrankten Menschen für eine ausführliche Diagnostik und Behandlung zur Verfügung. Als psychiatrisch-psychotherapeutisches Zentrum bietet es ein vielfältiges Behandlungsangebot, das sich an den Bedürfnissen psychisch erkrankter Menschen orientiert. Individuelle Therapiemöglichkeiten fördern die Selbstheilungskräfte unserer Patient*innen. Das Interesse aller Mitarbeitenden des AMEOS Klinikums Hildesheim ist es, durch eine vertrauensvolle und professionelle Zusammenarbeit den Heilungsprozess der Patient*innen zu begleiten und zu unterstützen. Darüber hinaus bietet das AMEOS Klinikum Hildesheim Unterstützung bei der Wiedereingliederung in das Alltagsleben sowie bei der Vorbereitung medizinischer und beruflicher rehabilitativer Massnahmen.

 

 

 

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