Wie aus weniger mehr wird

Dauerbrenner Psychopharmaka: Viele leben gut mit Antidepressiva oder Neuroleptika, andere leiden unter mehr oder weniger schweren Nebenwirkungen. Alles vor allem auch eine Frage der Dosis. Zwar seien die empfohlenen Dosierungen aktuell insgesamt rückläufig, so Prof. Uwe Gonther, Ärztlicher Direktor im AMEOS Klinikum Bremen. Doch würden Medikamente in Deutschland immer noch verhältnismäßig hoch angesetzt. Etwa im Vergleich zu Großbritannien. Vom norwegischen Tromsø ganz zu schweigen, wo eine kleine Station Behandlung ohne Medikamente beziehungsweise stationären Entzug von Psychopharmaka anbietet. Gonther und das Bremer Klinikum haben sich einem besonders vorsichtigen Umgang mit Psychopharmaka verschrieben. Außerdem wird hier auch bei der Reduktion beziehungsweise beim Absetzen von Antidepressiva beziehungsweise Neuroleptika geholfen, und zwar im Rahmen einer in Norddeutschland einmaligen Gruppe „Psychopharmaka-Reduktion und Genesung“.

„Mit Antimedikamentenideologie hat das nichts zu tun“, stellt Prof. Uwe Gonther klar. Im englischsprachigen und skandinavischen Raum sei eine kritische Sicht viel mehr verbreitet. Die Datenlage für Dauermedikation sei nun mal schlecht. Dass lebenslange Medikamenteneinnahme vermehrt zu körperlichen Schäden führe, sei relativ unumstritten. Dennoch sei der Umgang in den Kliniken mit dem Thema hierzulande sehr unterschiedlich.

„Ich würde auch Psychopharmaka nehmen, es kann eine Erleichterung von quälenden Symptomen sein und Menschen erst in die Lage versetzen, Selbsthilfe zu aktivieren“, sagt Katrin Rautenberg, leitende Oberärztin am AMEOS Klinikum Bremen – und Spezialistin für Reduktionsprozesse. Aber es müsse von Anfang an ein Ausstiegsszenario geben. „Wenn ich ein Medikament ansetze, sollte ich als Behandlerin das Absetzen und den Ausstieg mitdenken.“ 

Reduzieren und Absetzen als Bestandteil der Therapie zählt denn auch – ebenso wie die Suche nach der niedrigstmöglichen Dosis und dem Ziel einer Monotherapie mit nur einem Medikament – zu den Grundzügen, zu denen sich das Klinikum in einem Aufklärungsbogen verpflichtet, der allen Patienten bei Aufnahme überreicht wird. 

Rautenberg leitet die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) des Klinikums. Dort suchten so viele Patienten mit Absetz- und Reduktionswünschen Rat und Begleitung, dass die Gruppe ins Leben gerufen wurde. Zwölf Menschen – Männer und Frauen – treffen sich zweimal im Monat mit Rautenberg sowie zwei Genesungsbegleitern. Fast immer sind auch Gäste dabei, die über spezielle Aspekte informieren. Aktuell gibt es eine Warteliste. Zur Motivation der Teilnehmer erklärt die Gruppenleiterin: „Die meisten Menschen fühlen sich gedämpft und persönlich verändert. Die sagen: ,Ich möchte mehr ich selbst sein’ und wollen wissen, wer sie selbst sind.“ Oft gehe es darum, die passende Dosis zu finden, um zufriedener zu leben. Aber nicht alle reduzieren tatsächlich: „Manche kommen auch gut mit ihrer Medikation zurecht und nehmen es als Fortbildung.“ Besonders starke Motive fürs Reduzieren/Absetzen sind auch der Wunsch, ein Kind zu bekommen oder Gewicht zu verlieren.

Es ist kein leichter Weg, er dauert lange, meist Jahre, und er birgt Chancen, aber auch Risiken. So sei schon einmal eine Teilnehmerin der Gruppe schwerst dekompensiert, sie habe wohl die Frühsymptome ihrer Krise nicht entsprechend wahrgenommen. „Meine Vermutung ist, dass die Absetzphänomene die Menschen empfindlicher machen und die Empfindlichkeit des Nervensystems anders justiert“, so Rautenberg. Sie glaubt, dass es bei Antidepressiva mehr irreversible Nebenwirkungen gebe als bekannt.  So gebe es depressive Rebounds, die  auch nach Jahren nicht verschwinden würden. „Rebound“ (übersetzt „Rückprall“) steht für das verstärkte Wiederauftreten von Symptomen nach Absetzen der Arzneimittel, besonders häufig sind  Schlafprobleme und innere Unruhe sowie allgemeine Instabilität. Ein Rebound tritt mit höherer Wahrscheinlichkeit auf, wenn das Medikament schon lange eingenommen wurde. Rautenberg hält daher nicht viel von langjähriger Rezidivprophylaxe. Antidepressiva sollte man nach einer ersten Episode nicht länger als ein Jahr und nach einer zweiten nicht länger als fünf Jahre einnehmen, so ihre Empfehlung.

Vor allem bei Frauen führe ein Rebound zu absonderlichen Phänomenen von Hypersensibilität, sowohl was das taktile Empfinden als auch das Wahrnehmen von Geräuschen und Gerüchen angehe. „Es ist hilfreich, wenn die Betroffenen dann merken, dass es anderen genauso geht.“ Sie habe mehrere Frauen im Reduktionsprozess begleitet, bei denen sich die gesamten Sensibilitäten verschoben hätten. Häufig würden sie dann von der Außenwelt als hysterisch oder überspannt abgewertet. Frauen reagierten grundsätzlich empfindsamer auf Psychopharmaka, was mit der Verteilung der Fettpolster und anderer Darmresorbtion zu tun habe. Sie empfehle daher auch eine reduzierte Anfangsdosierung, so Rautenberg, die derzeit im Rahmen eines Modellprojekts auch Pharmaberatung bei der Bremer Frauenberatungsstelle „Frauenraum“ anbietet.

Das Problem der Rebounds: Früher habe man diese nicht von Rückfällen unterschieden, weshalb die wissenschaftlich ermittelte Rückfallrate nach Absetzen von Psychopharmaka sehr hoch ausfiel. Doch wie unterscheidet man die jeweiligen Symptome? Das sei schwer, so Rautenberg, allerdings erreichten die Rebound-Symptome in der Regel nicht die Qualität früherer depressiver Episoden. Und: Substanzen, die im Fall eines Rebounds gegeben würden, würden viel schneller wirken. Sie habe einen Menschen begleitet, der ca. 13 Monate nach Absetzen der Antidepressiva in eine schwere Depression fiel. Nach Einnahme eines Antidepressivums sei es ihm schon eine Woche später deutlich besser gegangen – in der Regel tritt eine bessernde Wirkung frühestens nach 14 Tagen ein.

Doch können Patienten viel tun, damit sie auch mit weniger oder ohne Psychopharmaka gut leben können und genesen. Grundsätzlich glaube sie insbesondere an die heilende Kraft der persönlichen Begleitung: „Das kann Menschen durch Krisen tragen“, so Rautenberg. Aber auch sonst hilft vieles – Klopftechnik, Aromatherapie, Kräutermischungen, etwa Hopfen, Melisse, Lavendel, viele nähmen auch CBD – Cannabidiol gegen häufig auftretende Schlafprobleme. „Es ist das Zusammenspiel, den einen Heilsbringer gibt es nicht“, so die Oberärztin, die als Traumatherapeutin auch Techniken aus der Behandlung von Traumafolgestörungen vermittelt.

Auch sie spürt Nebenwirkungen der Gruppe. Sie habe gelernt, heilsamer mit sich selbst umzugehen. Das wurde auch nach außen sichtbar: „Ich habe 10 Kilo abgenommen“, freut sich Rautenberg.  Denn auch Infos zur Bedeutung von besserer Ernährung und mehr Bewegung gehören zum Lehrinhalt, ebenso Tipps, wie man Ziele verfolgt und gute Gedanken implementiert. Als großes Hindernis erlebte sie bei sich selbst Hoffnungslosigkeit und die Sorge, ein erneutes Scheitern vermeiden zu wollen, das lähme. Als Gegenmaßnahme setzte sie sich ein positives Ziel, nämlich: mit weniger Gewicht besser tauchen zu können – und einen guten Plan dagegen. Wichtig sei auch, die eigenen Grenzen bei der Arbeit aktiv zu vertreten: „Nur dann kann ich die Bedeutung der Grenzsetzung auch authentisch an Patienten vermitteln“, so die Medizinerin. Dabei helfe ihr das Team der Ambulanz, das hinter ihr stehe. „Wenn es mir zuviel wird, muss ich nicht über meine Grenzen gehen.“ 

Und der Gruppen-Gewinn der Patienten? „Alle berichten, wenn sie reduzieren, dass sie empfindsamer werden, dass eine neue Fühl- und Erlebnisqualität auftaucht. Dass sie mehr spüren, Farben und Gerüche anders erleben. Das ermöglicht dann, weitere Schritte der Genesung zu gehen.“

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Dieser Artikel erschien im Eppendorfer - Zeitung für Psychiatrie und Soziales 5/2020. Viele weitere interessante Beiträge rund um das Thema Psychiatrie finden Sie unter eppendorfer.de

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Stichwort: Rebound

Rebound: Durch die Medikamenteneinnahme können sich die Rezeptoren, die auf den Wirkstoff reagieren, in der Zahl vermindern oder vermehren. Beim Absetzen reichen dann die körpereigenen Wirkstoffe nicht mehr aus, um an alle Rezeptoren anzubinden, und um dies auszugleichen, kommt es vorübergehend zu einer überschießenden Gegenreaktion des Körpers. Das Problem tritt vor allem auf, wenn ein Medikament plötzlich abgesetzt oder zu schnell und in zu großen Schritten reduziert wird. Daher sollten nach jedem Reduktionsschritt – ob Neuroleptika oder Antidepressiva – in den ersten 2-4 Wochen Entzugserscheinungen erwartet werden. Die Reduktion sollte in kleinen Schritten erfolgen und zwischen 5-10 Prozent der aktuellen Dosis betragen. Zwischen den Reduktionsschritten sollten 6-12 Wochen Pause liegen, im Krisenfall sollte auf die alte Dosis zurückgegangen werden. Die Faustformel lautet: Je langsamer, desto erfolgreicher!

Buchtipp: Jann E. Schlimme, Thelke Scholz, Renate Seroka: „Medikamentenreduktion und Genesung von Psychosen“, Psychiatrie-Verlag, Köln: 2019, 282 S., 25 Euro.

 

Text: Anke Hinrichs

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